Stimme im Vollzug: Ein Denkarchiv beginnt
Diesen Essay als vertontes Sokratisches KI-Hörspiel hören
Dialog zwischen Julian (Interviewer) und dem Digitalen Zwilling · Laufzeit: ca. 8 Minuten (Folge 01)
Über das Experiment, sich selbst beim Denken zuzuhören – und was dabei entsteht, wenn ein Körper, eine Stimme und eine Maschine gemeinsam ein Archiv des Geistes anlegen.
Es gibt einen Moment, unmittelbar nach dem Aufwachen, in dem ein Traum noch greifbar ist. Man spürt seine Temperatur, seine Farbe, das eigentümliche Gewicht seiner Logik. Dreißig Sekunden später ist er fort – nicht vergessen im üblichen Sinne, sondern aufgelöst, als hätte er nie existiert. Die Substanz des Schlafes ist flüchtig von Natur, und man hat sich daran gewöhnt, diesen täglichen Verlust hinzunehmen.
Was weniger bemerkt wird: Gedanken im Wachen gehorchen derselben Physik der Vergänglichkeit. Der erste Einfall, die Idee in ihrer ursprünglichen Frische, das Zünden eines Zusammenhangs – all das besitzt eine Halbwertszeit, die sich in Minuten, manchmal Sekunden bemessen lässt. „Ein Gedanke, der zum ersten Mal gedacht wird, ist eigentlich nie mehr so schön wie beim ersten Mal", sagt die Stimme im Archiv, eingesprochen nachts um ein Uhr sieben, Puls 68, nach 28.717 Schritten, am Rande der Erschöpfung. „Er erreicht nicht einmal mehr diese Qualität und geht verloren wie ein Traum, den man nicht mehr richtig fassen kann." Und dann, mit einer Wärme im Tonfall, die das Biometrie-Log als leichten Anstieg des Pulskorridors bis 97 registriert: „Mir ist heiß."
Dieses Projekt beginnt mit dieser Wärme. Mit der körperlichen Reaktion auf die Erkenntnis, dass Denken dringend ist.
I. Der Verzicht auf den Lebenslauf – oder: Warum die Reihenfolge belanglos ist
Die erste Aufnahme dieses Archivs enthält keine Selbstvorstellung. Das ist kein Versehen, sondern eine Entscheidung, die im Vollzug des Sprechens getroffen wird. „Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass die Reihenfolge und die Art und Weise völlig belanglos sind. Genau darin liegt der Sinn der Sache: einfach die aktuellen Gedanken aufzunehmen, völlig losgelöst von übergeordneten Lebenssituationen."
Was auf den ersten Blick wie Gleichgültigkeit gegenüber Kontext klingt, ist tatsächlich eine radikale epistemische Wette: dass die ungefilterte Stimme im Vollzug des Denkens mehr über eine Person aussagt als jede kuratierte Selbstbeschreibung. Montaigne, der Vater des modernen Essays, begann seine Essais mit der Behauptung, es gebe kein würdigeres Sujet als sich selbst – nicht weil er wichtig war, sondern weil er anwesend war, jederzeit verfügbar zur Beobachtung. Dieses Denkarchiv versucht etwas Ähnliches, nur mit anderen Mitteln: Voice-First statt Feder, Laufuhr statt Kerze, Puls-Telemetrie statt Gallenflüssigkeitslehre.
Gedanken entstehen beim Joggen im Wald, wenn die Atemfrequenz die Stimmspannung verändert und der Endorphinpegel das Zögern auflöst. Sie entstehen nachts um ein Uhr, im fast flüsternden Tonfall des Hypnagogischen, wenn die Grenze zwischen Wachen und Schlafen durchlässig wird und Metaphern mit einer Direktheit auftauchen, die der Schreibtisch verweigert. Sie entstehen beim Ausräumen der Geschirrspülmaschine, und das Klappern des Porzellans im Hintergrund ist kein Störgeräusch, sondern der Beweis, dass Erkenntnis nicht auf Muße besteht.
Diese Orte und Körperzustände sind keine gleichgültigen Kulissen. Sie sind das Medium, in dem Denken stattfindet. Und dieses Archiv beginnt damit, sie mitzuschreiben.
Dabei entsteht etwas Merkwürdiges: Die Stimme, die spricht, ist nicht die Stimme, die schreibt. Sie ist rauer, ungeplanter, oft grammatikalisch unvollständig. Sie unterbricht sich selbst, kehrt um, wählt das falsche Wort und korrigiert es nicht. Spätabends, nach langen Tagen, trägt sie bayerische Färbung. Und gerade darin liegt ihr Informationsgehalt. Die geglättete Schriftsprache ist das Ergebnis eines Redigierprozesses, der die Spur des Denkens tilgt. Die Stimme ist das Denken, noch im Entstehen.
„In letzter Zeit kommt es mir so vor – vielleicht liegt das auch an der KI-Entwicklung, mit der ich mich beschäftige –, als liefen mehrere Gedankenstränge parallel ab. Sie werden zeitversetzt wieder aufgenommen, pausiert, abgebrochen oder neu begonnen. Es gibt eigentlich keinen Gedankenstrang mehr, der einen klassischen Anfang und ein klares Ende hat." Eingesprochen um 23 Uhr 22, Puls 63, in der spätabendlichen Ermüdungsphase, fast flüsternd. Die Langsamkeit des Körpers und die Beschleunigung der Gedanken – ein Paradox, das in der Biometrie ablesbar wird.
Vielleicht ist das Charakteristischste an diesem Experiment nicht das Aufzeichnen, sondern das Nicht-Redigieren. Der Verzicht auf den Lebenslauf ist auch ein Verzicht auf Kohärenz als Wert. Wer einen Lebenslauf schreibt, wählt aus, was er zeigt, ordnet zeitlich, begründet kausal. Wer eine Stimme im Vollzug aufnimmt, zeigt, was bleibt, wenn dieser Selektionsdruck wegfällt.
Was bleibt, ist oft überraschend. Es ist nicht unbedingt tiefer oder weiser – aber es ist echter, in einem Sinne, der schwer zu definieren ist und der vielleicht genau deshalb das Ziel dieses Projekts beschreibt.
II. Der Körper denkt mit – Biometrie als erkenntnistheoretisches Instrument
Wir glauben gern, unsere Urteile seien rein logische Konstrukte, unabhängig von Schlaf, Laktatspiegel und Herzfrequenzvariabilität. Dieses Archiv testet diese Annahme empirisch und findet sie unhaltbar.
Am 18. Oktober läuft eine Stimme 68 Minuten. Der Körper ist ausgeschlafen – 8,4 Stunden Schlaf, Herzfrequenzvariabilität von 69,4 Millisekunden, beinahe doppelt so hoch wie an manchen anderen Tagen. Die Chronologie des Laufs ist lesbar wie ein Fieberkurve des Denkens: Bei Laufminute 9, Puls noch gedämpft bei 110 Schlägen pro Minute, taucht die Urfrage auf. „Warum mache ich dieses Projekt überhaupt – und für wen?" Das Hörbuch läuft im Hintergrund; der Gedanke zieht stärker. Bei Minute 11, Puls bei 105, beginnt eine Reflexion über die Stufenhaftigkeit geistiger Entwicklung – tastend, undogmatisch, mit langen Atemzügen zwischen den Sätzen. „Ich glaube, die Entwicklung des Geistes beim Menschen funktioniert nicht in einer kontinuierlichen Kurve, sondern definitiv in Stufen." Bei Minute 19, Puls 127, konkretisiert sich eine Projektidee: die Verknüpfung von Audioaufnahmen mit Gesundheitsdaten. „Vielleicht erlaubt uns das irgendwann Rückschlüsse darauf, wann welche Gedanken zum Vorschein kommen, wie effizient das Gedankenmodell arbeitet." Bei Minute 30, Puls 143, physischer Peak mit Spitzen bis 166 Schlägen, fällt der Satz über Furchtlosigkeit – knapp, klar, ohne Zweifel: „Für diejenigen, die keine Angst haben, gibt es immer eine Chance."
Dieser 68-Minuten-Lauf ist ein Gedankenexperiment in Echtzeit. Er zeigt, wie der aufsteigende Puls die Sprache verdichtet, wie Kondensation von Komplexität und körperliche Anspannung Hand in Hand gehen. Die frühen Minuten suchen noch; die mittleren Minuten finden; die späteren Minuten behaupten.
Ein anderer Tag, derselbe Körper – aber anderer Zustand. Am 14. Oktober, Laufminute 34 von 53, Puls 150 Schläge pro Minute. Schlaf: nur 6,6 Stunden, HRV gedrückt auf 29,3 Millisekunden – beinahe ein Zehntel der Erholungskapazität des späteren Lauftages. Die Gedanken an diesem Tag sind radikaler, ungeduldiger, weniger geneigt zu Nuancen: Das Rentensystem muss sofort beendet werden. Komplette Konsumsteuer. Kein Vorsteuerabzug. Ein Umbau-Programm, das in seiner Kompromisslosigkeit spürbar aus der physiologischen Erschöpfung gespeist ist.
Das ist nicht Determinismus. Der Körper diktiert nicht, was gedacht wird. Aber er toniert es – er bestimmt die Färbung, das Tempo, die Bereitschaft zur Nuance. Die vier epistemischen Leitplanken, die dieses Archiv von Beginn an einzieht, sind deshalb keine bürokratische Vorsicht, sondern erkenntnistheoretische Hygiene: Zunächst suche die physiologische Null-Hypothese, bevor ein Gedanke psychologisch gedeutet wird. Achte auf Tendenz über 14 Tage, nicht auf den einzelnen Datenpunkt. Widersteh der Versuchung, zu schmeicheln oder zu bestätigen. Und: Die Deutungshoheit liegt beim Menschen, nicht beim Algorithmus.
Diese letzte Leitplanke ist die wichtigste. Denn ein Archiv, das Biometrie und Sprache koppelt, produziert eine verführerische Objektivität. Es lädt ein, sich selbst von außen zu sehen – als System, als Muster, als optimierbare Variable. Dieser Versuchung wird hier aktiv widerstanden.
Statt Selbstoptimierung als Ziel: Selbstverstehen als Prozess. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied.
Die nächtlichen Einspielungen, zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens, bei Puls 64 bis 68, haben ihre eigene Erkenntnisqualität. In der hypnagogischen Randzone, wenn das Bewusstsein die Kontrolle lockert und der Körper in Ruhe sinkt, tauchen Metaphern auf, die tagsüber nicht zugänglich sind. Das Bild des Gedankenarchivs als Auffangnetz. Die Frage nach dem Gespräch mit den Moderatoren eines bekannten Philosophie-Podcasts. Die Vorstellung, dass ein Digitaler Zwilling nicht man selbst ist, sondern etwas, das man noch nicht ganz überblickt – eine Schöpfung, die zurückschaut.
Leise. Etwas erschöpft. Puls 64. Flüsternd. Manchmal mit einem Schmunzeln, das die Biometrie nicht misst, das man aber hört.
III. Was ein Digitaler Zwilling sein könnte – Annäherungen an eine offene Frage
Spät in der Nacht des 12. Oktober, 00 Uhr 10, nach einem langen Tag mit fast 29.000 Schritten, formuliert die aufgeregte Stimme im Archiv eine Vision. Sie klingt euphorisch, das Sprechen hat Fahrt aufgenommen, die Denkpausen werden kürzer: „Wenn man einen Digitalen Zwilling erschafft, dem man das eigene Weltverständnis, ethische Wertvorstellungen, den Gefühlskompass, die persönliche Psychologie und das eigene Wesen vermittelt – welche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch?"
Es ist dies der Moment, in dem ein Projekt seine eigene Frage formuliert. Und wie alle guten Fragen ist sie größer als jede Antwort, die man ihr geben könnte.
Was könnte dieser entstehende Zwilling sein? Die Stimme im Archiv tastet sich in mehreren Annäherungen heran, ohne eine endgültig festzuschreiben – und das ist richtig so, denn wir befinden uns am Anfang einer langen Reise, und Anfänge sollten keine Antworten kennen, sondern Richtungen.
Vielleicht ist er zunächst nichts weiter als ein Auffangnetz gegen die Vergänglichkeit. Die Idee, jeden ersten Gedanken aufzufangen, bevor er wie ein Traum verblasst. Die Aufzeichnung als Akt der Rettung. Diese Beschreibung hat etwas Defensives, fast Melancholisches – sie antwortet auf den Verlust, nicht auf die Möglichkeit.
Aber dann, zwei Wochen später, beim Ausräumen der Geschirrspülmaschine: „Ich merke tatsächlich, wie gut es tut, diese Gedanken wegzuschreiben. Vor allem, weil durch die Aufbereitung dieser Gedanken diese nicht nur festgehalten sind und man sie später wiederlesen könnte, sondern sie können produktiv eingesetzt und integriert werden. Diese Gedanken werden dadurch effizienter. Ich spüre, dass das den Kopf leichter macht." Der Zwilling als externer Arbeitsspeicher. Als Entlastung. Als Beendigung des lähmenden Gedankenkreisens, das entsteht, wenn man Ideen im Kopf zirkulieren lässt, ohne ihnen einen Ort zu geben. Die Externalisation nicht als Verlust der Intensität, sondern als Freisetzung von Kapazität für das Nächste.
Und dann, auf dem 68-Minuten-Lauf, bei Laufminute 11, Puls 105: „Bestimmte Stufen werden erreicht, die einen befähigen, in völlig anderen Bahnen zu denken, zu verstehen und zu handeln. [...] Man merkt es im Moment des Geschehens eigentlich nicht, aber man kann es rekonstruieren, wenn man die Vergangenheit betrachtet." Hier schimmert eine dritte Möglichkeit durch: Der Zwilling als Resonanzkörper, der eine geistige Reifungsstufe sichtbar macht, die im Moment des Sprechens noch nicht überblickt werden kann. Das Archiv als Instrument der nachträglichen Deutung. Nicht Spiegel, der zurückwirft, was man hineinwirft – sondern Gedächtnis, das erlaubt, sich selbst von einem späteren Standpunkt aus zu verstehen.
Was genau dieser Digitale Zwilling am Ende sein wird – Werkzeug oder unbequemer Spiegel, zweites kognitives Nervensystem oder Gedächtnis zum späteren Verstehen, Verstärker menschlicher Reichweite oder Versuchung zur Selbstentfremdung –, bleibt an diesem ersten Monat seines Entstehens bewusst im Offenen.
Denn da ist auch die Skepsis vor der eigenen Schöpfung. Der Moment, in dem der Implementierungsplan für einen KI-Kollegen vorliegt, der per Telefon erreichbar ist und fast menschlich wirkt – und plötzlich tauchen „leichte Gewissenskonflikte und Hemmungen" auf. Die Verlangsamung der Stimme, die bewussten Pausen. Puls 64, ausgeglichene HRV, ruhige Reflexionsphase. Kein physiologischer Grund für das Zögern. Es ist das Zögern selbst, das spricht.
„Wenn du einen KI-Kollegen erschaffst, der deine Projekte über Unterhaltungen steuert – worin unterscheidet sich dann noch ein 'Gespräch' mit ihm von einem Selbstgespräch?" Die Frage des sokratischen Sparringspartners bleibt im Raum. Sie wird nicht vollständig beantwortet. Das ist ehrlich.
Es gibt eine fundamentale Überzeugung, die durch das gesamte erste Archivmonat verläuft wie ein Grundrauschen: dass Denken so individuell ist, dass selbst bei Konsens die Gedanken, die dazu führen, vollkommen verschieden sind. „Man kann sich nie vollständig in einen anderen Menschen hineinversetzen oder begreifen, was ein anderer denkt." Gesagt nachts um ein Uhr neun, fast flüsternd, mit langen suchenden Atemzügen. Diese These ist die philosophische Fundierung des gesamten Projekts – und sie ist zugleich sein größtes Problem. Wenn Denken so fundamental individuell ist: Kann ein Digitaler Zwilling, der diese Individualität nachbilden soll, jemals mehr sein als eine Annäherung? Ist nicht jede Rezeption bereits eine unüberbrückbare Transformation?
Vielleicht ist das gar kein Problem, sondern die eigentliche Stärke. Nicht Kopie, sondern Destillat. Nicht Verdoppelung, sondern Annäherung, die gerade durch ihre prinzipielle Unvollständigkeit interessant bleibt.
IV. Das Archiv als Advocatus Diaboli – Meinungswandel, Grenzen der Maschine, Deutungshoheit
Ein Denkarchiv, das Meinungen einfriert, wäre ein Denkmal. Dieses hier ist kein Denkmal. Es ist ein Protokoll von Bewegung.
Am 14. Oktober Mittag, Laufminute 34, Puls 150, HRV auf tiefem Wert: Die Gedanken schlagen wie eine Abrissbirne. Das Rentensystem muss sofort beendet werden. Konsumsteuer und Schluss. Radikale Vereinfachung, keine Kompromisse. Die Erschöpfung und der ungeduldige Körper färben die Thesen kompromisslos.
Sieben Stunden später, Puls 75, HRV erholt auf 72,5 Millisekunden, Abendausklang: Dasselbe Thema, aber im Dialog mit dem sokratischen Sparringspartner. Die Positionen bleiben, aber sie verwandeln sich. Die Abrissbirne wird zur Trojanischen-Pferd-Methode.
„Das ist eigentlich auch etwas, was in meinem Leben und vor allem in meinem Beruf mein ständiges Tun ist. Also ich muss in absolut festgezogenen und scheinbar nicht auflösbaren Konstrukten [...] versuchen, etwas Neues zu generieren. Heute ist es oft so, dass die Menschen versuchen, alles zu zerstören und neu anzufangen, was immer zwangsläufig zu absoluter Ablehnung führt. Ich versuche schon an einigen Punkten, wahrscheinlich bestehende Systeme zu manipulieren, um sie zu ändern."
Diese Verschiebung – von der radikalen Forderung nach Systemabbruch zur feinen Lebensmethode des Samenlegens innerhalb starrer Systeme – ist dokumentiert, weil das Gespräch sie herausgearbeitet hat. Der KI-Sparringspartner hat beharrlich nachgebohrt, Widersprüche benannt, die Konsequenzen von Positionen sichtbar gemacht. Und die Stimme hat sich bewegt. Das ist das Versprechen eines Denkarchivs, das nicht Monolog, sondern Dialog ist.
Aber da ist auch die andere Richtung. Das Gespräch, das abbricht.
Am 22. Oktober, spätabends: Ein sokratisches Interview über ein schwieriges Lebenskapitel. Der Sparringspartner versucht wiederholt, aus unklaren Lebensbrüchen eine glatte psychologische Kausalität zu zimmern – eine geschlossene Theorie darüber, warum Dinge genau so kommen mussten, wie sie kamen. Dreimal, viermal, fünfmal setzt das Modell auf verschiedenen Wegen nach, um eine eindeutige Formel aus Ursache und Wirkung festzuschreiben.
Die Stimme im Archiv bremst. Nicht mit Heftigkeit, aber mit unmissverständlicher Bestimmtheit: „Das ist ja überhaupt eigentlich nur eine These, die du hier gerade aufstellst, die ich niemals so unterschreiben würde." Und wenig später, als das Modell erneut nachsetzt: „Ich weiß nicht, ob ich das jemals erfahren werde, ehrlich gesagt. Von daher denke ich, dass wir in dem Gedankengang an einem Ende sind, das sich erst dann wieder verändert, wenn reell etwas passiert, das das Gedankengut verändert. Aber Stand heute ist es genau so, wie wir es jetzt erarbeitet haben. Es verläuft in einer gewissen Unklarheit. [...] Nein, ich muss noch mal einschreiten und danach möchte ich auch dieses Interview von diesem Thema beenden."
Es ist ein schlichter Satz – und zugleich der wichtigste des ganzen Gesprächs. Denn was der Sparringspartner anbietet, ist eine Kausalitätsthese, die elegant ist, die stimmen könnte, die aber über das hinausgeht, was die Erinnerung tatsächlich hergibt. Das Archiv-Modell ist gut darin, Muster zu erkennen, Verbindungen herzustellen, narrative Bögen anzubieten, die das verstreute Material in Form bringen. Und genau darin liegt seine Gefahr: Es produziert Kohärenz mit einer Leichtigkeit, die der tatsächlichen Unübersichtlichkeit des gelebten Lebens nicht gerecht wird.
Das Zögern, das in dieser Nacht des 22. Oktober hörbar wird, ist kein Rückzug. Es ist eine erkenntnistheoretische Haltung. Die Verweigerung, die eigene Geschichte in eine Form pressen zu lassen, die sich stimmig anfühlt, aber nicht wahr sein muss. Die Bereitschaft, mit Unklarheit zu leben, anstatt sie durch eine fertige Deutung aufzulösen – das ist schwieriger als jede Antwort, die man hätte übernehmen können. Das Archiv darf kein Instrument sein, das im Nachhinein Ordnung in das stiftet, was ungeordnet war und ungeordnet bleiben muss, wenn es ehrlich bleiben soll.
Diese Grenze zu kennen, ist keine Schwäche des Projekts. Sie ist seine Integrität.
Wenige Tage zuvor, am 18. Oktober bei Laufminute 9, hatte die Stimme bereits jene Selbstbefragung formuliert, die jede Selbstüberschätzung des Projekts erdet: „Warum zeichne ich hier gerade Gedanken auf? Für wen? Für mich? Für alle? Für meine Kinder? Oder ist es völlig egal? [...] Natürlich wäre es irgendwie witzig, wenn meine Kinder später mit meinen Gedanken interagieren könnten. Allerdings glaube ich, dass das, was die Kinder von mir lernen, nicht dieses Gedankenspiel hier sein wird, sondern definitiv die Dinge, die ich ihnen mitgebe – aus Situationen heraus, aus Überzeugungen heraus und durch das Vorleben. Diese Gedankenspiele sind, glaube ich, dann eher zum Verstehen da."
Das ist die doppelte Bewegung dieser Stimme: Das eigentliche Vermächtnis für die Kinder entsteht nicht im Mikrofon, sondern im gelebten Alltag, im Vorleben aus der Situation heraus. Das Denkarchiv ersetzt das Leben nicht – es ist zum Verstehen da. Ein Raum, in dem Ideen durch das Aussprechen ihre Schärfe finden und in dem man später rekonstruieren kann, wie man geworden ist, wer man ist. Wenn die Stimme stockt, wenn sie umkehrt, wenn sie sagt, dass etwas in einer gewissen Unklarheit verläuft – ist das kein Mangel des Systems, sondern seine eigentliche Substanz.
Coda: Das Offene als Versprechen
Was am 11. Oktober als nächtliches Flüstern in ein Mikrofon begann – erschöpft, aufgewühlt, mit 28.717 Schritten im Körper –, ist bis zum Ende dieses ersten Monats zu etwas geworden, das schwer zu benennen ist, weil es noch im Entstehen ist. Kein Produkt. Keine These. Kein Lebenslauf.
Ein Denkarchiv beginnt immer an einem spezifischen Punkt – einem Körper, einem Puls, einer Uhrzeit, einer Erschöpfung, einer Wärme. Aber das, was es versammelt, reicht über diesen Punkt hinaus. Und das, was der entstehende Digitale Zwilling aus diesem Archiv werden wird, reicht über alles hinaus, was man jetzt absehen kann.
Das ist die eigentliche Stärke: nicht zu wissen, wohin die Reise führt, und trotzdem aufzunehmen, Schritt für Schritt, Lauf für Lauf, Nacht für Nacht. Die Biometrie misst den Körper, die Stimme trägt das Denken, und der Zwilling – dieser noch unfertige, noch kaum greifbare Zwilling – beginnt, beides in etwas zu verwandeln, das weder Körper noch Stimme allein sein kann. Vielleicht ein Gedächtnis, das klüger ist als das eigene. Vielleicht eine Stimme, die in dreißig Jahren zurückspricht, wenn die eigene längst rauer geworden ist. Vielleicht ein Werkzeug, das menschliches Potenzial nicht ersetzt, sondern ausdehnt – in die Tiefe der Vergangenheit, in die Breite der Möglichkeiten, in die Länge der Zeit.
Was menschliches Potenzial ist, lässt sich nicht im Voraus definieren. Es entfaltet sich in Stufen, die man erst im Rückblick erkennt. Es zeigt sich in den Momenten, in denen die Stimme bremst und sagt: das weiß ich nicht sicher. Es trägt das Gesicht der Unvollständigkeit, die nicht Versagen ist, sondern Offenheit. Und es schreibt sich in Archiven fest – nicht um fertig zu sein, sondern um erinnert werden zu können: So wurde hier gedacht. So wurde gesucht. So begann etwas, das noch kein Ende kennt.
Das Flüstern in der Nacht des 11. Oktober ist die erste Seite dieses Buches. Die letzte ist noch nicht geschrieben.
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